Zwei Seiten des "Düsseldorfer Fragmentes" der "musica enchiriadis" (Ms. K3:H3), Fotos oben: Universitäts- und Landesbibliothek Düsseldorf. Das untere Foto zeigt die Einrichtung der Handschrift Var.1 aus der Staatsbibliothek Bamberg. Foto: Domschatzkammer Essen

Eine Handschrift aus Werden schreibt Musikgeschichte

 

Musica enchiriadis ab dem 3. Februar in der Domschatzkammer zu sehen

„Musica enchiriadis“ – dies ist der Name einer frühmittelalterlichen Handschrift, die Musikwissenschaftlern und Musikern vielleicht bekannt, aber für die meisten Laien nur ein unbekannter Zungenbrecher ist. Das wird sich in Essen ab dem 2. Februar vielleicht ändern. Denn mit der Ausstellung „Musica enchiriadis. Ältestes Zeugnis der Mehrstimmigkeit im christlichen Abendland“  eröffnet die Domschatzkammer am Dienstag, dem 2. Februar, eine Sonderausstellung, deren Mittelpunkt genau dieses Musiktraktat sein wird. Zugleich ist sie Auftakt des !SING-Projektes Musica enchiriadis, das eine Konzertreihe zur Entwicklung der geistlichen Musik und begleitende Tagungen umfasst. http://www.bistum-essen.de/start/nachrichtenueberblick/ueberblick-detailansicht/?tx_ttnews%5Bpointer%5D=1&tx_ttnews%5Btt_news%5D=6089&tx_ttnews%5BbackPid%5D=110&cHash=82898e74c8

 

Was ist das Besondere an dieser Handschrift aus dem ausgehenden 9. Jahrhundert?

Die Musik des frühen Christentums war schriftlos und einstimmig, sie wurde durch eine mündlich weitergereichte Singtradition vor allem in den Kloster- und Stiften weitergegeben. Die  seit dem 8. jahrhundert entwickelten sog. "Neumen"-Zeichen zeigten nur an, ob der Melodienfluss nach oben oder unten verlief. Erstmals finden sich die ältesten Zeugnisse einer Notenschrift, sog. "Dasia"-Zeichen,  in der „musica enchiriadis“. Sie legte zum ersten Mal die Tonschritte der Töne untereinander fest, damit konnte erstmals „vom Blatt“ gesungen werden. Musik war ohne Vorsänger wiederholbar geworden! Mit den Dasia-Zeichen konnten auch mehrstimmige Gesänge notiert werden. Die Idee der Mehrstimmigkeit, das eigentliche Merkmal abendländischer Musik, wie wir sie verstehen, wurde in dieser Handschrift erstmalig festgehalten.

 

Eine Handschrift kehrt zurück

Doch außer diesem für Musikwissenschaftler unstrittigen Verdienst der "musica enchiriadis" gibt es auch noch einen weiteren Grund, die Handschrift ausgerechnet im Kulturhauptstadtjahr Ruhr2010 nach Essen zu holen. Denn nach heutigem Forschungsstand ist diese frühe Musikschrift mit allergrößter Wahrscheinlichkeit im Werdener Benediktinerkloster niedergeschrieben worden. Von hier aus verteilten sich die Abschriften über Europa. Heute existieren noch ca. 50 Fassungen, das Original ist verschollen.

Zwei besondere Abschriften werden in der Domschatzkammer ausgestellt werden. Das sog. Düsseldorfer Fragment ist die älteste erhaltene, aber leider nur noch unvollständige Abschrift eines Teils der Musica enchiriadis. Sie befindet sich heute nicht mehr in der Werdener Schatzkammer, sondern in der Universitäts- und Landesbibliothek Düsseldorf, die sie freundlicherweise für diese Ausstellung zur Verfügung stellte.  Die Bamberger Handschrift kommt aus der Staatsbibliothek Bamberg. Sie wurde um das Jahr 1000 wohl von dem damals noch vollständigen Düsseldorfer Exemplar in Werden  abgeschrieben und ist heute die vollständigste noch existierende Abschrift.

Der wissenschaftliche Begleiter der Ausstellung, Prof. Dieter Torkewitz von der Wiener Universität für Musik, hat in akribischem Quellenvergleichen festgestellt, dass sehr vieles für eine Urheberschaft in Werden spricht. Nicht nur dass die älteste Abschrift definitiv in Werden gemacht wurde, sondern „in zwei der ältesten Abschriften aus Valenciennes in Nordfrankreich und Cambridge wird der Werdener Abt Hoger als „venerabilis abbas Hoger“ in den lateinischen Überschriften als Verfasser genannt“, so der Wissenschaftler.

 

Geistliches Spiel: gesungenes liturgisches Drama

Neben der Mehrstimmigkeit war das „geistliche Spiel“ im  Mittelalter ein wichtiger Bestandteil geistlicher Musik. Das „Essener Osterspiel“ ist festgehalten in einem Regelbuch für den Gottesdienst an der Münsterkirche, dem sog. Liber ordinarius. Auch er wird in zwei Handschriften ausgestellt werden. Die eine aus dem 14. Jahrhundert stammt aus dem Bestand der Domschatzkammer, eine weitere 100 Jahre jüngere ist heute im Besitz der Universitäts- und Landesbibliothek Düsseldorf.

 

Mit Texttafel und Touchscreen aufgearbeitet für jedermann

Die Domschatzkammer, sonst bekannt für ihre exzellente Sammlung ottonischer Kunstwerke, betritt mit dieser kleinen, aber gewichtigen musikwissenschaftlichen Ausstellung Neuland. Um den Besuchern das ungewohnte, aber spannende Thema nahe zu bringen, haben Prof. Torkewitz und Dr. Ina Germes-Dohmen von der Domschatzkammer nicht nur Texttafeln, sondern auch einen Touchscreen mit informativen, gut lesbaren Texten, Abbildungen und Hörbeispielen bestückt,  der eingehend über musikalische Schriftzeichen früher und heute, über die Musica enchiriadis und die ihr eigene Dasia-Notation, Überlieferung und Bedeutung des Traktats sowie über das Osterspiel und seine Essener Ausformung informiert. Auch die Abbildungen mit Abt Hogers Namen lassen sich dort unter die Lupe nehmen.

 

Die Sonderausstellung ist vom 3. Februar bis zum 20. Juni 2010 täglich zu den gewohnten Öffnungszeiten der Domschatzkammer zu sehen. Der Eintritt ist im Eintrittsgeld für die Domschatzkammer inbegriffen. (gedo)