Freiwillige Nachtwache
Viel wissen wir nicht über die Zeit vor über 1000 Jahren, als im Essener Frauenstift Frauen und Mädchen aus den Adelsfamilien wohnten. Die Frauen lebten im Stift, um in den verschiedenen Gottesdiensten für die Verstorbenen ihrer Familien zu beten und für die noch Lebenden um Gottes Segen zu bitten. Sie taten das nicht, weil man sie in das Stift „abgeschoben“ hatte, sondern weil es ein wichtiger Dienst für die ganze Familie war. Die Stiftsfrauen lebten dabei wirklich nicht schlecht, sie hatten eigene Einkünfte und wenn sie wollten, durften sie auch wieder ausziehen und heiraten. Die jungen Mädchen, die oft jünger als zehn Jahre waren, wenn sie ins Stift kamen, wurden von ihren Familien ins Stift gegeben, damit sie hier erzogen wurde. Die Mädchen lernten lateinisch lesen und schreiben, lernten die Bibel kennen und alles, was mit der christlichen Religion zu tun hatte. Auch sie nahmen wie die erwachsenen Frauen an den Gottesdiensten teil. Wahrscheinlich haben sie auch all das im Stift gelernt, was sonst für ein gebildetes Mädchen aus reichem edlem Haus nötig war: Sticken, Nähen und andere Handarbeiten und wie man einen großen adligen Haushalt führt. Denn immerhin haben die Hälfte der jungen Mädchen später geheiratet.
Tolle Namen hatten die Frauen und Mädchen damals, Namen, die es heute gar nicht mehr gibt: Wendilgard, Adhalwi, Ekgusta, Gerbrun, Awa, Filbirin oder Agana.
Und sie waren gar nicht ungern im Stift und auch zur Schule gingen sie nicht widerwillig, zumindest von einer wissen wir das. Denn ein kleines Zettelchen ist durch all die vielen Jahrhunderte erhalten geblieben und darauf steht in lateinischer Schrift: „Frau Lehrerin Felhin, gebt mir die Erlaubnis, in dieser Nacht zusammen mit der Lehrerin Adalu zu wachen, und ich bestätige und schwöre euch mit beiden Händen, dass ich die ganze Nacht deklinieren oder lesen oder für unseren Herrn singen will. Lebt wohl und gestattet, worum ich bitte!"
Da wollte doch eines der Mädchen unbedingt die ganze Nacht aufbleiben, wahrscheinlich weil es für die total tolle junge Lehrerin Adalu schwärmte und gerne mit ihr die ganze Nacht in der Kirche sitzen wollte. Damit Frau Felhin nur ja nichts dagegen hat, verspricht unser kleines Stiftsmädchen ihr auch 1000 Sachen, die sie in der Nacht alle tun will: Grammatik lernen, Texte lesen und auch fromme Lieder singen – Hauptsache, sie kann mit Frau Adalu zusammen die Wache übernehmen. Na, und weil sie so inständig darum bittet, erlaubt Felhin es auch gnädig und schreibt unter das Zettelchen „Gehe mit Gott“.
Leider wissen wir nicht, wie die Geschichte ausgeht. Ob die Stiftsschülerin es wohl geschafft hat, die ganze Nacht wach zu bleiben oder ist sie doch eingeschlafen? War Frau Adalu wirklich eine nette Gesellschafterin oder vielleicht doch nicht so klasse? Fragen, die wir leider nicht mehr beantworten können.

