Die unglückliche Liebe einer jungen Äbtissin
Die Stiftsfrauen und Äbtissinnen des Essener Frauenstiftes konnten auch wieder aus dem Stift austreten und durften dann sogar heiraten. Das ist aber nicht häufig passiert. Normalerweise weiß man über die Gefühle einer Äbtissin nicht besonders viel und erfährt deshalb nicht, ob sie gerne geheiratet hätte oder nicht. Aber im Fall der Äbtissin Elisabeth von Berg (geb. 1581) ist das anders, denn von ihr existieren 14 Liebesbriefe, die sie an ihre Jugendliebe Floris schickte, als sie schon Äbtissin war. Das ist schon aufregend genug, aber es kommt noch besser: Der angebetete Floris von Culemborg war auch noch mit Elisabeths Schwester Katharina verheiratet!
Aber der Reihe nach: Floris, Elisabeth und Katharina kannten sich schon aus ihrer Jugend und waren, weil wohl fast Nachbarskinder, zusammen aufgewachsen. Diese Jugendzeit war recht lustig und fröhlich, und die junge Elisabeth verguckte sich anscheinend in den immer lustigen Floris. Der aber verliebte sich – so ein Pech aber auch – nicht in Elisabeth, sondern in ihre ältere Schwester Katharina, die er 1601 heiratete. Da war Elisabeth 20 Jahre alt und damit auch selbst im besten, heiratsfähigen Alter. Klar, dass Elisabeth das umhaute. Sie schrieb später in einem Brief an Floris: „Wenn ich daran denke, so tut mir das Herz weh. Wie viele Tränen habe ich vergossen, als ich nur von hinten angesehen wurde. Doch man muss es alleine im Herzen tragen und aushalten.“
Außerdem hält sie sich selbst für hässlich und für eine „lange, plumerse (plumpe?), lange Liese“, wohingegen ihre Schwester natürlich das „schöne, liebe, delikate Fräulein“ ist. Ob sie wirklich zu groß und plump war oder sich nur selbst hässlich fand? Das kann jeder auch heute noch selbst entscheiden, denn es gibt noch ein Bildnis von ihr. Ihre schwarze Grabplatte mit ihrer Figur in Lebensgröße steht heute noch im Essener Dom.
Auf jeden Fall heiratete Elisabeth selbst nicht, vielleicht weil sie in ihrem Kummer gar keinen anderen wollte. Vier Jahre nach der Hochzeit ihrer Schwester mit dem geliebten Floris bekam sie dann – vielleicht als eine Art Wiedergutmachung – dieStelle als Äbtissin in Essen und einem anderen Stift zugeschoben, und daran war Floris nicht unbeteiligt. Aber das machte sie nicht glücklicher, auch wenn sie nun eine mächtige Frau und Reichsfürstin war. Zum einen war in Essen damals nicht viel los. Wenn ausnahmsweise einmal eine adlige Gesellschaft nach Essen kam, dann freute sich Elisabeth wie doll über die Abwechslung.
Zum anderen konnte sie einfach ihren Liebsten nicht vergessen und schrieb ihm weiter Liebesbriefe – anscheinend auch auf die Gefahr hin, dass ihre Schwester sie bei ihm hätte finden können. Und das hätte auch passieren können, denn Floris warf sie nicht weg, sie sind später in seinem Nachlass aufgetaucht. Bis zu ihrem Tod blieb Elisabeth in Gedanken ihrem „lieben auserkornen Floris“ treu und bat ihn „Vergiss mich nicht und schreibe mir, dass ich die liebste bin“. In ihrem letzten Brief im Dezember 1613 – sie war mittlerweile 33 Jahre alt – steht: „Floris, Floris, mein süßer Mann, ...., hab mich doch lieb. Ich habe eurer Liebden auf meine höchste Seligkeit von Herzen lieb, Euer Liebden soll mich nimmermehr wankelmütig finden, sondern treu bis in den Tod.“
In dieser gefühlvollen, aber wirklich geschehenen Liebesgeschichte gibt es leider kein Happy-End wie im Film. Elisabeth starb im Januar 1614 an Röteln und Windpocken, ihr Floris konnte sie nicht mehr in den Arm nehmen und das, obwohl er sein Kommen nach Essen für Februar 1614 zugesagt hatte und man sich dann nach Jahren wieder gesehen hätte! Aber vielleicht hätte auch das Wiedersehen der armen Elisabeth nichts genutzt, denn Floris hat sie sicher gern gehabt – aber nicht so gern wie seine Frau Katharina, mit der er eine glückliche Ehe geführt zu haben scheint.
Mehr zur Geschichte der Elisabeth von Berg in Ute Küppers-Braun: Liebesbriefe einer Äbtissin. In: Frauen in Essen. Zweiter Essener Geschichtswettbewerb für Schülerinnen und Schüler. Begleitheft. Essen 2004.


